Wenn Himmel und Erde sechs Feste feiern

Der Konstanzer Kammerchor hat Bachs ganzes Weihnachtsoratorium geboten (Südkurier, 09.01.2012)

Hochtrompeten und Hirtenschalmeien, Choralharmonie und Concertokunst, Bethlehem und Prachtbarock! Bachs „Weihnachtsoratorium“ ist ein Klangkompendium der Festlichkeit. Michael Auer wagte mit grandiosem Erfolg die Aufführung aller sechs Kantaten in der Konstanzer Bruder-Klaus-Kirche als prachtvolles Fazit aller weihnachtlichen Feiertage. Seine bewunderns- und rühmenswerte Deutung bot eine hochbarocke „Kunst der Feste“, als gälte es, ein oratorisches Gegenwerk zur „Kunst der Fuge“ zu musizieren.

 

Was man erlebte war mit dem bestens gestimmten Kammerchor, den mit historischer Akzentuierung musizierenden Instrumentalisten und den Vokalsolisten von Koloraturformat und Rezitativrhetorik ein Meisterstück der Kompositions- und Aufführungskunst. Denn jedes Fest, also jede Kantate erhielt ihr eigenes Klangprofil. Bach hat aus Kantaten (z.T. auch weltlichen für Fürstenpreis und Sachsenlob) in feinster Reinschrift der Partitur und des Stimmensatzes ein Gesamt-„Oratorium“ zusammengestellt. Das wurde zu seinen Lebzeiten zu den einzelnen Feiertagen, erst 110 Jahre nach seiner Entstehung (1734/35) von einem Breslauer Kantor ungekürzt und am Stück musiziert. Man fragte immer wieder: Was ist der Sinn solcher Kantaten-Revue als Gesamtopus? Auers werkerhellende Deutungsantwort: Musikbotschaften an Geist und Seele, wenn Himmel und Erde sechsmal das Weihnachtsgeschehen erinnern und feiern.

 

Zuerst die Herrscherankunft mit Prunk und vom Himmel zur Erde eilenden Violinskalen; im zweiten Teil die festliche Stille mit plötzlicher Engelspolyphonie – ein Kammerchor-Gloria von hellster Klarheit aller Stimmen; in der dritten Kantate das Lob des Himmelsherrschers in feudalem, zugleich tänzerischem Dreiachteltakt mit Trompeten-Dur. Das vierte Fest war ein Gottesdienst mit feierlich ernstem „Fallt mit Danken“, schönstem Chorpiano mit melodischem Atem wie aus einem Messe-Benedictus.

 

Sicheres Solistenquartett: Die fünfte Kantate wurde zum theatralischen Fest mit dramatischen Akzenten, etwa instrumental in den erschreckenden Schnell-Akkorden des Herodes-Rezitativs oder dem opernhaft bravourösen Terzett. Die letzte Kantate wurde zur Siegesfeier, aber auch zum kostbar feierlichen Zusammenklang von Choral und Konzert, zur musizierten Weihnachtshoffnung für – so die letzten Worte des Werkes! – „das menschliche Geschlecht“, das nun das strahlende Concerto grosso der zwölf Finaltakte in ungetrübtem Dur und forte streichen, blasen und pauken darf.

 

Zum Ereignis, das aus Einzelkantaten ein Oratorienganzes überzeugend gewann, gehörte außer der tempofesten, einsatzsichernden, dynamisch aktivierenden Leitung Michael Auers und seinem Kammerchor mit strahlenden Sopranhöhen, kontrapunktisch linienschönen Mittelstimmen, präzis und unforciert singenden Tenöre und Bässen mit melodischer Intonation ein stil- und tonsicheres Solistenquartett. Sarah Wegner (Sopran) gab lichten Klang, Martina Gmeinder (Alt) brachte schönstes Melos und sanfte Registerfeinheiten, Nils Giebelhausen (Tenor) bewies als Evangelist deklamatorische, als Sänger der Siegesarie virtuose Kunst, Markus Flaig (Bass) erfreute mit Volumen in der Königsarie und dramatischer Diktion in der Herodes-Szene. In den Ensemblesätzen (in der Echo-Arie gelang der Chor-Sopranistin Susanne Pantel klangfeiner Nachhall) wurden Vokalfeste gefeiert. Sechs Festes-Typen – und ein Ende großer Dankjubel mit Bravorufen und Standapplaus.

 

Helmut Weidhase