Musik, die ins Herz trifft

Der Konstanzer Kammerchor überzeugte mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. (Südkurier, 30.11.09)

Foto: Hanser

 

Eigentlich erstaunlich, dass der Konstanzer Kammerchor noch nie die h-Moll-Messe aufgeführt hat. Ein Fall von falscher Bescheidenheit, die den Chor vor Johann Sebastian Bachs monumentalem Opus Summum bislang zurückschrecken ließ? Wie auch immer. Bei der Aufführung in der St. Stephanskirche wurde offenbart, was ohnehin jeder ahnte: dass die gepflegte Stimmkultur dieses von Michael Auer geleiteten Ensembles und die umfangreichen Erfahrungen im Bereich technisch heikler A-cappella-Literatur die idealen Voraussetzungen für ein Gelingen dieses anspruchsvollen Bach-Werks sind. Immerhin darf die h-Moll-Messe nach wie vor als Prüfstein selbst für Profi-Chöre gelten.

Und auch für den Hörer ist sie stets aufs Neue ein Wunder. Diese hochartifizielle und gezirkelte Architektur, deren abstrakte Konstruktionen, sobald sie erklingen, dennoch unmittelbar ins Herz treffen; die Verbindung aus religiöser Demut und sündhafter Klangschwelgerei – all das lässt einen immer wieder in Ehrfurcht auf der Kirchenbank verharren und lauschen. Vorausgesetzt, der Chor kann's. Und, wie gesagt, der Kammerchor kann's.

 

Vielleicht war es bloß ein Zufall, dass es zum Gloria heller wurde in der Kirche. Tatsächlich aber schien es, als habe auch im Chor jemand das Licht angeknipst. Wirkten die beiden Kyrie-Teile zwar perfekt musiziert, exakt artikuliert und von Auer gelassen, für einen Erbarmens-Ruf gen Himmel vielleicht sogar zu gelassen dirigiert, so brach zum Gloria der standesgemäße Jubel los, wunderbar flott musiziert und von Pauken und Trompeten vergoldet. Das Barockorchester „La Banda" Augsburg überzeugte den ganzen Abend über als musikantisches, ausdrucksfreudiges und auf den Originalklanginstrumenten versiertes Ensemble.

 

Es hätte eigentlich einen entsprechend schmal, eher solistisch besetzten Chor an seiner Seite gebraucht. So ließ sich die Gefahr, das Orchester zuzudecken, nicht immer bannen. Doch das gehört zu den wenigen und winzigen Wermutstropfen dieses Konzerts.

 

Insgesamt stellte sich Michael Auer mit seinem Chor ganz in den Dienst Bachs. An dessen Musik herumzudeuteln, sie gegen den Strich zu bürsten – all das ist ihm fremd. Es ging darum, die großartige Architektur des Stückes zu durchschreiten, die Konstruktionen klar zu machen. Im „Osanna“ bediente sich Auer dazu eines kleinen Kunstgriffs und stellte die Chorsänger ein wenig um. Kleiner Vorgang mit großer Wirkung: Die Trennung von Chor I und Chor II führte zu einer effektvollen Verräumlichung des Klangs.

 

Die emotionalen Seiten auszuloten, gelang vor allem in den Jubelchören und spritzigen Nummern wie etwa dem „Cum sancto spirito“ (wo auch der Fugen-Einsatz im Tenor perfekt saß) oder „Et resurrexit“ sehr gut. Immer wieder stellte der Chor seine Koloratur- und Intontaionssicherheit unter Beweis. Hingegen hätte man sich einen Satz wie das im Pianissimo verebbende „Crucifixus“ noch leidvoller – und leiser vorstellen können.

 

Zu den dann doch eher größeren Wermutstropfen des Abends gehörte das Solistenensemble, das, abgesehen von der ausgezeichneten Sopranistin Sarah Wegener, mit der Qualität von Chor und Orchester nicht beziehungsweise nur schlecht mithalten konnte. Aber die h-Moll-Messe ist ohnehin ein ausgesprochenes Chorstück. Daher: Großer Jubel im Publikum und lang anhaltender Beifall.

 

Elisabeth Schwind