Südkurier, 04.03.2008
Vergegenwärtigte Leidensgeschichte
Vielleicht war das Klatschen am Ende - fast sieben Minuten lang - nicht nur Dank für vokal und instrumental hervorragende Kunstleistung, sondern auch eine Befreiung der geradezu betroffenen, gepackten, ins Passionsgeschehen hineingerufenen Hörer von der Klanglast dieser Geschichte des Leidens und Sterbens Christi. Denn wie Michael Auer mit der "Johannespassion" die barocken Noten in die nacherlebende, mitgemeinte Gegenwart führte, das war von einer bestürzenden Realistik. Nichts wurde ins Drastische oder gar Karikaturistische gezerrt (wozu die Turba-Chöre immer wieder reizen), sondern alles einer durchgehaltenen Emotion zugeordnet: Der ängstlichen Beunruhigung. Es war in allen Stücken, als müsse nach dem scharf rhythmisierten "Kreuzige", dem punktierten "Barrabam"-Ruf, dem zynisch heiteren Würfelchor immer wieder der Choral bekennen: "Ich, ich und meine Sünden..."
Beunruhigung, ja Verunsicherung - bei höchst sicherer Wiedergabe des Werkes und seiner Forderungen - wurde mit den ersten Takten und mit dem Eingangschor unüberhörbar mitgeteilt. Mögen die Klangschichten der Oboendissonanzen, der bewegten Violinen, des tonfesten Basses die Dreifaltigkeit symbolisieren, hier wurde eine Welt-Unruhe in den Satz hineingebracht. Die Leidens-Oboen sangen über allem wie gegen alle metrische Ordnung, melodisch und dissonant. Die höheren Streicher gaben dem ersten Sechzehntel jeweils Akzente, die Bewegung und durch fast vibratolose Intonation Härte in den Klang brachten. Die Bässe akzentuierten einen Zweier- gegen den Vierertakt. Nicht genug der Beunruhigung: Die Chor-Rufe "Herr" wurden vom Schwerpunkt bei der Wiederholung ins Synkopische mit solcher Stärke verwandelt, dass man hören musste: Hier ist die Welt aus den Fugen geraten.
Das mag für diesen Chor schon von Bach ausreichend vorgeschrieben sein. Aber Michael Auer ließ diesem Programm eine das ganze Werk bestimmende, stilistisch kompakte Aufführung folgen. Der erste Choral: Nach der ersten Zeile "O große Lieb" kam eine kurzes Anhalten, in der letzten "Und du musst leiden" eine ängstliche Verzögerung, als sei auch der "objektive" Choral kein Hort liturgischer Sicherheit mehr.
Der Konstanzer Kammerchor folgte allen Differenzierungen, hatte in den Chorälen Ausdruck, in den "Massen"-Chören eine Realistik des Ausdrucks, die etwa in der Frage an Petrus "Bist du nicht seiner Jünger einer?" ein hetzendes Presto erreichte, eine gruppendynamische Verfolgung, die überhaupt nicht an der Antwort auf die Frage interessiert schien. Das war kein 2000 Jahre alter Text, keine fast 300 Jahre alte Musik mehr, das war beunruhigende Modernität. Selbst der Schlusschoral malte kein Bild vom Fortissimo-Paradies, sondern eine mit gelängten Akkorden formulierte Hoffnung.
Das Augsburger Barockorchester "La Banda" musizierte nach altem Instrumentalmuster diese beunruhigende Passion ganz stimmensicher mit. Die Arienbegleitungen suchten weder das aufwändig Konzertante noch die Theater-Dynamik. Selbst im Würfel-Chor hörte man eher die Unruhe der Spieler als das Klappern der Geräte. Die barocke Taktbetonung führte zu klaren Formulierungen - und zu packenden Momenten, wenn synkopisch dagegen zu halten war. Im Zusammenklang wie in den Soli hörte man engagiertes, nie in eine Routine-Mechanik geratendes Musizieren, oft mit ungewohnt dunklen Violone- und Lautentönen zu den Rezitativen.
Die Solisten fügten sich der überzeugenden Auerschen Deutung an. Der Evangelist Tobias Wall (Tenor) wählte den Tonfall des Berichts, Deklamation ohne zuviel Affektrhetorik. Die Christusworte (zu länger gehaltenen Continuo-Klängen) sang mit würdig und fest registrierter Stimme Sebastian Auer (Bass). In den Arien bewiesen Format in Stimme und Stil: Mechthild Bach (Sopran) mit hellem Timbre und melodischer Weite; Annerose Hummel (Alt) mit dramatischer Kontrastierung in der affektstarken Arie mit Gambenspiel; Andreas Kramer (Tenor) überzeugte mit melodischer Kontur ("Erwäge") und szenisch deklamiertem Erdbeben-Arioso; Joachim Herrmann brachte das solistisch Konzertante in die Fülle der Ausdrucksfiguren, leicht beschleunigt in fast tänzerisch-weltlichem Dur, in das der Ernst des Chorals von der "letzten Todesnot" hineingesungen wird. Man hörte in jedem Satz: Passionsgeschichte für Gegenwärtiges.
Helmut Weidhase