Himmelsstürmender Großklang
Bot ein furioses Konzert: der Konstanzer Kammerchor (rechts und links neben den Bläsern der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben).(Südkurier, 31.03.2009)
Mendelssohn – Brahms – Bruckner: die Großen Drei der deutschen romantischen, geistlichen Chormusik bedeuten in jedem Fall eine riesige gestalterische Aufgabe, und der Konstanzer Kammerchor, im 60. Jahr stehend, ging sie in der mittelschiffgefüllten St. Stefanskirche mutig an, setzte nicht Motette an Motette, sondern bewegte sich zielsicher auf das Großwerk zu: Anton Bruckners E-Moll-Messe.
So war denn auch der Bauplan des Konzerts ein fortschreitender Prozess von Mendelssohns Wohlklängen über Brahms' leuchtende Tonsatzkonstrukte zu Bruckners mystischer und erhabener Klangmacht.
Mendelssohns „Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen“ eröffnete und zeigte sofort die feine Binnenstruktur des fast 50 Sänger(innen) starken Kammerchors: klangrunder Männerchor gegen geradlinigen Frauenklang, der im piano engelgleichen Wohllaut erzielen konnte und im Zusammengang der Stimmen die dem Werk angemessene Dynamik angedeihen ließ.
Brahms' Psalmenmotette „Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz“ legte nach: aufblühender Melos, polyphon schwierige Struktur, rhythmisches Schwingen, das trösten und mit „freudigem Geist“ jubeln konnte – in beiden Motetten ein chorischer Gang durch alte Stile im romantischen Harmoniegewand, a cappella zuverlässig intoniert und durchgehalten: Kriterien bester Chorkunst makellos bewältigt!
Da Bläser der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben zur Bruckner-Messe engagiert worden waren, boten sich kurze Bläser-Intermedien zwischen Motetten und Messe an: Johann Sebastian Bachs kühle c-Moll-Orgelfuge (im Zusammenspiel nicht unproblematisch) und Bruckners „Libera me“-Motette, die im satten Bläsersatz chorische Kraft und Linienschönheit ahnen ließ.
Dass der Kammerchor Bruckners so vielschichtige achtstimmige e-Moll-Messe ausgewählt hatte, machte klar: man wollte allerhöchsten Ansprüchen an chorische Singkunst genügen – und erfüllte sie: Michael Auer hatte einen Chorklang geformt , der die weiten A-cappella-Strecken glatt durchhielt, sich von den 15 Bläsern nie zudecken ließ und in weit gespreizten Akkordfortschreitungen so mächtiges Volumen entwickelte wie in piano-Sätzen Sottovoce-Ausstrahlung von nobler Schönheit – geführt von Auers Dirigiergestik: himmelsstürmender Großklang wie meditative Ruhe, polyphone und chromatische Kontrapunktik wie tänzerische oder kontemplative Momente; wiewohl der theatralische Aspekt des Kompendiums „Messe“ in Bruckners spätromantischem Stil zwar ins Grandiose drängt, nie aber plakativ wird.
Dazu trug der Bläserchor bei, der so feine Linien zeichnete wie ein Streichensemble, durchgeführte Motive symphonisch dicht gestaltete und die Aufgabe, den Chor zu „begleiten“, immer durchhören ließ.
40 Minuten Konzentration und Spannung bis zum verebbenden „Dona nobis pacem“ nach all den aufwändigen Sätzen wie dem machtvollen Kyrie, dem fugengekrönten Gloria, dem über weite Strecken ruhiger fließenden Credo, oder dem stoisch ruhigen Sanctus-Fluss und explodierenden „Pleni sunt coeli“ und dem brucknertypischen abrupten Abriss mancher sich steigender Forte-Sätze.
Im Programmheft war mit Recht auf die auch körperliche Anforderung an die sängerische Durchhaltekraft der Choristen aufmerksam gemacht worden, die diese fast nur professionellen Chören zugängliche Messe abverlangt. Der Kammerchor hat sie mit Ernst und Können gemeistert.
Reinhard Müller