Alternative zum Weihnachtslied
Südkurier, 09.12.2008
Ohne Kitsch und Weihnachtsschlager beeindruckte der Konstanzer Kammerchor in der Bruder-Klaus-Kirche mit englischer A-cappella-Musik. Ein tolles Programm, ein toller Auftritt.
Schon der Anfang ist magisch: Im Altarraum der nur von Kerzenlicht erhellten Bruder-Klaus-Kirche sitzt Cellist Jan-Filip Tupa und schickt sein Instrument auf eine Reise von Halbton zu Halbton, hinweg über Cluster und Glissandi, über Viertel- und Achteltöne. Der Choreinsatz kommt dann von hinten, wo Dirigent Michael Auer zum Auftakt den Konstanzer Kammerchor in zwei Gruppen positioniert hat. Im Wechsel mit der zeitgenössischen Improvisation des Cellisten singt man Renaissance-Psalmen von Thomas Tallis. Na bitte, denkt man. So also kann ein Adventskonzert auch beginnen.
Denn wem bereits Anfang Dezember die Ohren schon ein wenig verklebt sind vom Weihnachtsliederkitsch, dem werden sie an diesem Sonntag förmlich durchgespült von einem Ensemble, das sich einer der feinsten Formen des Musizierens auf sehr hohem Niveau widmet: dem Chorgesang a cappella, ohne Begleitung also.
Und man hat ein Programm zu bieten, das den Namen verdient: Nicht chronologisch, sondern thematisch entlang der Weihnachtsgeschichte geordnet, fügt Auer englische Werke aus Renaissance, Romantik und Moderne zu einem sinnvollen Ganzen zusammen, bittet mit Cellist Tupa und Pianist Klaus Simon ein hervorragendes Solistenduo hinzu und wartet mit einem Ensemble auf, das von seiner Größe her eher nicht einem Kammerchor entspricht, dem Anspruch der Gattung aber in jedem Fall gerecht wird. Stimmlich auch bei den Männern sehr gut disponiert, angenehm ausgewogen, dynamisch flexibel und intonatorisch nur selten gefährdet - das ist die Mischung, die den Konstanzer Kammerchor und dieses Konzert zu etwas Besonderem macht.
”Nova, Nova!” ist das Motto, ”Nova, Nova!” ruft der Chor in John Scotts gleichnamiger Komposition dem Publikum zu und bietet seinen Hörern mit Werken von Komponisten wie Jonathan Rathbone , Peter Crump, Malcolm Archer, Ralph Vaughan Williams oder Gustav Holst mitreißende Beispiele für die typisch britisch-entspannte Art mit Dissonanz umzugehen. Denn die angelsächsische Moderne ist ein sinnliches Hörerlebnis, und auch der Auftritt dieser erfahrenen Amateure ist bei aller Präzision letztlich wegen seiner Lebendigkeit so kurzweilig und begeisternd. ”Rejoice!” jubelt das Ensemble in Rathbones ”O Come, Emanuel”, singt dem Jesuskind bei Gustav Holsts ”Lullay My Liking” ein einfühlsames Wiegenlied, packt endlich bei Benjamin Brittens “Boy Was Born” sein ganzes dynamisches Spektrum aus – das könnte man im Übrigen häufiger tun.
Britten überhaupt ist ein Höhepunkt, denn der Chorsatz wird ergänzt durch den ersten Satz der Sonate für Cello und Klavier, und es ist schon erstaunlich, wie Tupa den verdichtet. Bei nur leicht geöffnetem Flügel hätte der ansonsten souveräne Pianist da ein wenig mehr gegenhalten können. Doch wirklich wunderbar gelingt Simon die Klavier-Improvisation , die von Ralph Vaughan Williams ”O little town of Bethlehem” zum einzigen Weihnachts-Hit des Programms überleitet: Mendelssohns ”Hark! The Herald Angels Sing”. Da blüht der Chorklang auf, swingt anschließend stilsicher beim Spiritual ”The Virgin Mary Had A Baby Boy”. Zum Schluss springt Auer auf der Zeitachse zurück und lässt sein Konzert mit William Byrds ”Haec Dies” so schlicht wie elegant ausklingen. Kompliment, Chapeau - weiter so!
Bettina Schröm