Südkurier - 23.04.2007 - Konstanz

Bibel, Liebe und Musik

Erotische Poesie in der Heiligen Schrift! Das sind nach text-gliedernder Zählung acht Lieder mit zusammen 116 Strophen, in denen alles herrlich gedichtet, zugleich fast alles bedenklich ist. Stammt dieses "Hohelied" der Liebe von König Salomo, ist es also fast 3000 Jahre oder nur 2500 Jahre alt, ist es Erlebnislyrik oder Hochzeitstext, Solovortrag oder Gesellschaftsgesang, wer trug es für wen vor, singt es von leiblicher oder geistlicher Liebe? Die Deutungsgeschichte ist so lang wie die Begeisterung über diesen Text - und die Musik schuf die Klänge dazu. Die wurden lebendig, farbig, vielfältig im Konzert des Konstanzer Kammerchors in der Lutherkirche zu sinnlich tönender Gegenwart: Fünfzehn Vertonungen vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Die Auswahl überzeugte, weil sie die Unterschiede des Verstehens dieser Liebeslyrik klingend überbrachte, auch durch den Gegensatz von solistischer, chorischer und instrumentaler Aufführungspraxis.

Das von Berthold Rucker geführte "ConsortContreCourantConstance" begann mit liturgisch-mittelalterlicher Feier: Glockenklang, Drehleier-Quinten, einstimmiger Gesang der Solisten (Doris Litscher, Michael Zogg, Detlef Kalkowski). Man hörte die einst neue Motetten-Mehrstimmigkeit ("ars nova") von Dunstable mit weichen Akkorden und herben Kadenzen, die kunstvolle Polyphonie Josquins mit Gambenspiel, die bis in die Monteverdische Nähe singende und spielende Liebesszene von Allessandro Grandi, in der sich - als Konzertfinale - alle Stimmen und Instrumente vereinten: Hochzeitsmusik mit Hymnus.

Solostimmen und altes Instrumentarium musizierten den historischen Abstand zwischen alten Noten und heutigen Ohren, ließen auch hören, dass diese Musik der rhythmischen Deklamation und kunstvollen Lineatur schwer auszuführen ist. Viel näher unserem Verstehen waren die Chorsätze. Der Kammerchor erreichte schon in den madrigalischen Kompositionen von Phinot dynamisches Format, Intensität der Klangbilder: Stimmenaufschwung "Steh auf!", melodisch weitgeatmete Schwingungsvegetation "Die Blumen sind aufgegangen", Temposteigerung für den Duft der "blühenden Reben". Noch bildstärker mit hellen Sopranen, klaren Altstimmen, cantablen Tenören, nobler Klangfülle der Bässe malten die Gesänge von Lechner und Franck die Liebesmomente. Herrlich wie der "Kuss" einen Akzent erhielt, die "Rose im Tal" in dunklen Harmonien glühte, die Fröhlichkeit in des "Königs Kammer" zu einem Tanzlied im Dreiertakt wurde. Michael Auer fasste die Sätze in glänzender Farbigkeit zusammen, ließ ihre Bildhaftigkeit hörbar werden: Liebeslyrische Sinnlichkeit! Das erlebte man auch in den neuen Sätzen: Suchte Ivan Moody den Weg von liturgischer Deklamation über eine Männerstrophe (Kopfstimmen-Piano von expressiver Textur) zu einer Klangfestlichkeit aus Dissonanz und Dur, so vereinte Claus Bantzers Opus die illustrativen Eros-Bilder mit dem Hochzeits -Carmen als buntes Fest der Liebe und des Tanzes - rhythmische Männer und melodische Frauen. Das Hohelied klingt weiter - und in der Lutherkirche dankte starker Applaus für die salomonische Botschaft der Worte und Töne.

Helmut Weidhase