Wasser in allen Klangformen
Der Konstanzer Kammerchor besingt beim Chorfestival mit Bravour das nasse Element (Südkurier, 16.07.2010)
Bild: Hanser
In den ersten beiden Konzerten des „Konstanzer Chorfestivals“ im Rathaushof hatte die Münstermusik vom Feuer gesungen, der Bach-Chor von der Luft. Dem Konstanzer Kammerchor oblag es nun im dritten Konzert der Element-Trilogie, das Wasser zu besingen, und das tat er in ausgesprochen bunter Programmfolge und Kleidung: Da erklang nach romantischem Brahms der „Wassermann“ aus „Hair“, nach schluchzendem Renaissance-Madrigal fetzig-jazziger Dibaduda-Song, wurden Silchers Abschiedstränen vom „Rain in Spain“ getrocknet: Stilistisch kalte Duschen hatten munteres System. Wasser in allen Formen: Das moderierte Albert Bahmann erschöpfend, köstlich und launig an, gab Werner Finks „Regenwetter“, zitierte gar Goethe mit des Pudels Kern, dass es ohne Wassertröpfchen auch keinen Ozean gäbe.
Der Kammerchor in Vollbesetzung: Um die 50 Sängerinnen und Sänger, den Abend so richtig farbig musizierend, feine, gediegene Klangkultur präsentierend, über alles aber die Lebendigkeit der Liedsätze stellend, und das in abendfüllendem Programm, fast alles auswendig! Nach Brahms' „Vineta“ die wohl schwierigste Geschichte des Abends: Eric Whitacres „Water Night“, vollgepackt mit Sekundreibereien, Cluster-Schreien, freitonalen Folgen, a cappella beeindruckend gemeistert, gefolgt von lustiger Tragikomödie um Silchers „Loreley“ herum.
Abgang in die Regennacht
Sprung zum musikalischen Slapstick, wo die Mühle endlos klappert, die Forelle musikalisch grüßt, der Moderator der Sache schließlich ein Ende bereitet; köstlich polyphon witzelnder Chorsatz! Und weiter mit bluesigem „Rainy Day“ und einem Professor Higgins, der den Gesang ergrünend aufblühen ließ. Noch mal iberisch das Finale: „Agua de Beber“ mit vollem Temperament, Schwung, rhythmischem Feuer: Ein toller Abgang in die Regennacht!
Der Kammerchor in Kleinbesetzung: Ein Frauenchor, der Gustav Holsts neuromantischen Satz „Tears“ in Schönheit lamentierte; ein Männerchor, der in grandiosem Pasticcio durch Nachtmusik, Forelle, Fliegenden Holländer und Jungfernkranz treulich führte, rhapsodisch aufgemotzt: Glanzleistung! Auch ausgezeichnete Vokalsolisten in Renaissance-Quartettsatz und Song-Intro: Die Palette war unerschöpflich bunt und bekam noch Glanzlichter durch die Klavierbegleitung von Laurens Patzlaff, seine ausgefuchsten Improvisationen und perlenden Soloeinlagen (Schumanns „Kreisleriana“-Auszüge). Stimmungsvolle Momente schließlich mit Kristina Schochs Blockflöten-Intermezzi: Debussys fein geblasene „Syrinx“ setzte ebenso Ruhepunkte wie Van Eycks „Lachrymae“, Improvisation aus der Ferne und das glitzernde Klavier-Sopranino-Duett „Reel“.
Michael Auer, schon Jahrzehnte lang Dirigent des Kammerchors, hatte gewaltige Arbeit geleistet, ließ das aber nicht sichtbar raus: Souverän, sicher, entspannt leitete er den Abend und erntete für Chor und Solisten großen Beifall.
Das „Element Wasser“ fühlte sich nach der Pause aufgefordert, das Seinige zum Abend beizutragen: Es schüttete kräftig, aber Chor und Großteile des Publikums hielten standhaft dagegen: Der Vorhof des Rathauses bot Schutz vor Nässe und ein wunderbares Ersatz-Ambiente.
Reinhard Müller