Großes Konzert, großer Beifall
Südkurier vom 06.12.2006
Über 300 Konzerte unterschiedlichster Art und Resonanz hat Michael Auer, Gründer der Konzertreihe "Musikalische Abendandachten in der Bruder-Klaus-Kirche" in 25 Jahren auf den Weg gebracht. Gefeiert wurde dieses Jubiläum jetzt in großem barockfestlichem Konzert mit dem Konstanzer Kammerchor, Solistenquintett und der "Sinfonietta Tübingen" vor kirchenfüllendem Publikum in der Heimatkirche der Konzertreihe.
Hirten- und Engelmusik
Französischer Barockstil mit seinem Punktierungsprunk, tänzerischem Elan, molldunklem Dissonanzengrübeln: Marc-Antoine Charpentier war als Meister dieser adelsverpflichteten Hof- und Kirchenmusik auch Lieferant der nach über 300 Jahren jetzt vom Kammerchor besorgten Erstaufführung der weihnachtlichen Kantate "In Nativitatem Domini": Zwischen oratorischen Gebeten um Erlösung, Hirten- und Engelsmusik und Geburtsjubel ließ Auer den musikalischen Gehalt so gedämpft, bunt, tanzend und freudenbeseelt erstehen, wie es dem unbekannten Werk ansteht: Die "Sinfonietta" spielte die erstaunlich langen, programmatisch interpretierenden instrumentalen Vor- und Zwischenspiele sorgfältig, glänzte mit blockflötengekrönten Spitzentönen, truhenorgel -gestütztem Generalbass mit beweglich und präzisest agierendem Fagott und Violoncello; die Altus-Tenor-Bass-Arietten zeichneten rezitativisch und in Liedform die lateinischen Texte nach und der Kammerchor klang bestvorbereitet, stimmlich ideal gewichtet, dynamisch auch kleinsträumig agierend, in den abwartenden, hoffenden, schließlich erlösten Gestus des Werks hinein.
Was könnte besser zwei Charpentier-Chorwerke von einander trennen als ein Stilkontrast. Der orchestergestützten Kantate ließ Auer die "Zwischenaktmusik" folgen: Samuel Barbers "Agnus Dei" als Transkription aus seinem Streichquartett, a cappella, 20.Jahrhundert und doch wohltönerisch aber harmonisch aufgeladen, in Mittellagen samtweich, kurz dramatisch sich exponierend und wieder verhallend: dem Chor war eine wunderbar intonationssichere Wiedergabe gelungen.
Überraschendes Paukensolo
Bei weitem nicht so breit angelegt wie Charpentiers "In Nativitatem" aber mit dem Erwartungsbonus seines schon volkstümlich gewordenen "Te Deum" startete das Werk überraschend mit Paukensolo, bevor das sattsam strapazierte Eurovisionsthema den Aha-Effekt auslöste. Jetzt bestimmten glanzvolle Farben die Szene: Pauken und Trompeten jubelten das Gotteslob hinaus, Querflöten und Oboen gaben Farbe, "Nebensätze" räumten den "Hauptsätzen" musikalisch das Feld, der Jubel war allgemein, der Chor sattelfest in Homophonie und fugiertem Satz. Großes klangliches Gewicht hatten die fünf Solisten: Marie-Madeleine Koebelé und Sylvie Kolb brachten satt leuchtenden lyrischen Sopran, Felix Uehlein gab den Altpartien sprachlich-klanglich deutlichen Akzent, Tobias Walls Tenor wechselte geschmeidig zwischen Evangelistenrolle und kantablem Fach und Joachim Herrmanns Bass prononcierte wohllautend Tiefe und Baritonlage.
Großes Konzert, großes Publikum, großer Beifall mit großem Dank an Michael Auer, den unermüdlichen Baumeister der Konzertreihe, die nun den Wortteil "Andacht" streicht und durch "Konzert" ersetzt - geistliche Musik ist ja per se immer Andacht: künftig wird zum "Konzert am Sonntagabend" eingeladen.
VON REINHARD MÜLLER