50 Minuten pure Dramatik

Deutsche Erstaufführung einer Komposition des Schotten James MacMillan mit dem Konstanzer Kammerchor in St. Stephan (Südkurier, 30.03.2010)

Foto: Hanser

 

Auf dem Hügel Schädelstätte hängt der Gottes- und Menschensohn ans Kreuz genagelt – und spricht zu allen, den Freuden, Feinden und dem „Event“- Publikum. Dem gilt das erste seiner „Sieben letzten Worte“: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Damit – die Reihenfolge der Reden vor dem Tode ist seit langer Zeit kirchenfest aus drei Evangelien zusammengestellt – beginnt auch das klangdramatische Chorwerk (mit Streichorchester) des schottischen Komponisten James MacMillan (51), das der Konstanzer Kammerchor in englischer und lateinischer Sprache unter der engagierten, ebenso ordnenden wie dynamisch intensivierenden Leitung von Michael Auer für Deutschland erstaufführte. Wie redet Christus durch das Medium moderner Musik zu den Hörern eines Klang-Passionsspiels? Mit einer fast suggestiven Bewegung und Vielfalt der Musik, die den Hörer hineinzwingt in das Schreckliche und Tröstende, in das Tönedrama, das wie das Theatralische Angst und Mitleid, Jammer und Entsetzen bewirkt: Aus ängstlichem, kaum hörbarem Pianissimo kamen Akkorde, die noch alte Harmonien zitierten, dann mit Frauenstimmen den Text freundlich formulierten, mit den Männerstimmen einen liturgisch entlastenden Ritualgesang intonierten – und plötzlich schnitt die schrille Wirklichkeitsdissonanz „Rex Israel“, hart, rhythmisch, sich steigernd ins Trommelfell. Da hatte man im ersten Satz der packenden, ergreifenden, in allen 50 Minuten kein Weghören gestattenden Passions-Dramatik das stilistische Grundereignis, das sich als eine Art Ausdrucks-Globalität bezeichnen ließe.

 

Denn es kann schön tönen wie Elgars englische Harmonien, volkstümlich singen, liturgisch rezitieren, dann aber bis an die Schmerzgrenze und Reibungsschärfe der Höhen führen. Das Hymnische, klangreich und fast festlich („Frau, das ist dein Sohn...“), wechselte mit Glissando-Halbtönen der Klage, es stiegen die melodischen Figuren ins Lichte empor („...mit mir im Paradiese sein“), aber mit Clustern wurden, naturalistisch unbarmherzig, die Nägel durchs Fleisch gehämmert.

 

Wie der Kammerchor nicht nur sang, sondern agierte, das Hymnische prunkvoll erfüllte, das Schreckliche bis ins tonlose Verstummen sich verlieren ließ, die Soprane in herber, klarer Höhe Fortissimo intonierten, die Altistinnen expressiv sich mit den tiefen und hohen Schwingungen verbanden, die Männerstimmen frei von genüsslich „Männerchörigem“ die Dramatik aussangen, das war in starkem Zusammenspiel mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Schwaben eine Passions-Vergegenwärtigung, die mit pluralem Stil vom „Golgatha heute“ handelte, nicht nur spielte und sang.

 

Kontrast, aber zusammenpassend: Bachs Motette „Jesu, meine Freude“, ohne Generalbass oder Instrumentalstützung gesungen. Michael Auer schloss ein wenig an MacMillans bildhaften Ausdruck an, wenn er mit jähem Fortissimo „Sünd und Hölle schrecken“ ließ oder das „muss verstummen“ im Choral durch Minimalpausen sprach-musikalische Wirklichkeit erteilte. Großartig erfüllte der Chor die Fugen-Lineatur, das Ariose im lichten und klaren dreistimmigen Satz, die choralhafte Festigkeit am Anfang und am Ende: Vollstimmiges Lied ohne falschen Affektaufwand. Nach Golgatha-Schrecken, Sünd'- und Höllenakzenten hieß das letzte Wort tröstend „Freude“. Langer, großer Dank der Musik- und Passionsgemeinde.

 

Helmut Weidhase