Serenade mit Witz

Der Kammerchor überzeugte beim Serenadensingen im Konstanzer Rathaushof (Südkurier, 21.07.2008)

Kopfgesteuerte Zeitalter haben die schönen Gefühle nicht vertrieben, wohl aber den Schein der Überlegenheitsdistanz über sie gegossen. Der Romantiker hauchte: "Ich liebe dich", der Postmoderne erklärt: "Ein Romantiker würde jetzt sagen: Ich liebe dich". So verhält man sich, meist jedenfalls, auch in der Kunst. Man hat Gefühle, zeigt sie aber nicht kommentarlos. Das war die Rezeptur eines herrlichen, regen-, aber auch mondscheinfreien Serenadensingens im Konstanzer Rathaus. Da sangen der Kammerchor und der Mädchenchor des Suso-Gymnasiums seelenvolle Lieder und Balladen, Frank Lettenewitsch gab pointenreiche und fein artikulierte Kontrastpoesie (von Heine über Eichendorff bis zu Ringelnatz, Kästner und Rühmkorf) dazu. Beispiel: Silchers "Loreley" fragte mit schönstem Kammerklang der Vierstimmigkeit "...was soll es bedeuten?". Lettenewitsch gab Kästners kecke Antwort: "Man stirbt nicht mehr beim Schiffen/bloß weil ein blondes Weib sich kämmt!"

 

Das Besondere jedoch war nicht der ergötzliche Zusammenprall von altem Gemüt und neuerem Witz, sondern die Noblesse des Vortrags, weil dort, wo das Romantische und vielfach Melodisch-Volkstümliche gesungen wurde, keine Klanggrimassen geschnitten wurden.

 

Hell weckten die Kammerchoristen "meins Herzens Schöne", zart in Distlers Vertonung "ein Stündlein wohl vor Tag", tänzerisch kam in Brahmschem Klangkleid "Feinsliebchen" daher, auch die "Loreley" wurde ohne Bedeutungsüberlast oder Theaterdynamik gesungen, ein Lied von schlichter Satzreinheit mit stilvoll behutsamer Schlusshymnik - und alles auswendig gesungen! Auch der Rezitator verstand es, das Echt-Romantische in stillem Ernst zu überbringen "Komm Trost der Welt, du stille Nacht", ruhig und unpathetisch wie es der Titel gebieten "Der Einsiedler".

 

Dem standen Gesänge gegenüber, die bis ins Virtuose mit dem Liedhaften spielerisch verfuhren. Da lieferten sich die Stimmen einen Kuckuck-Esel-Wettkampf, die "Alte Liebe" wurde zum Sprechgesang, die "Sommermädchenküssetauschelächelbeichte" (Lyrik voller Wortungeheuer) markierte mit chorischer Klangeleganz und theatralischer Aktion den Übergang vom Seelenvollen zum Kitschgefühl. In anderen Gesängen wurde der Raum vielchörig (aus dem Garten, aus der Höhe, aus der Ferne) stereophon belebt, wunderbar in einem Fenster-Kanon der Schülerinnen zum orchestral begleitenden Kammergesumm aus den Arkaden.

 

Die Suso-Mädchen brachten mit lichtem Stimmklang Weltmusik ins Singen: Ein französisches Chanson, ein hebräisches Musik-Lob, einen fingerschnalzend tänzerischen Song aus England. Das Lustige genoss man mit großem Vergnügen: Der "Hühner-Liebesbrief" wurde mit köstlicher Deklamation abgeschickt, mit Ringelnatz' "Briefmark" beklebt, und am Ende der postalische Stempel forte aufs Ei gedrückt. Chansonton und Liederklang vereinten im Finale die Chöre zu großem, sicherem, auch synkopisch beschwingtem Gesang. Michael Auer führte mit klangdynamischer Regie, festem, dabei nie starrem Zeitmaß durch über 90 Minuten Musik- und Sprachpoesie, ehe nach langem Begeisterungsbeifall die Chöre singend "zum Städtele hinaus" sich mit fröhlichem Abschieds-Decrescendo verabschiedeten.

 

Helmut Weidhase