Ein Klangerlebnis der Extraklasse

Mit einem ungewöhnlichen Weihnachtskonzert brilliert der Konstanzer Kammerchor in der Bruder-Klaus-Kirche (Südkurier, 7.12.2010)

Bild: Agnes Popp Die Weihnachtsgeschichte sinnlich erlebbar machte das ungewöhnlich konzipierte Konzert des Konstanzer Kammerchors in der Bruder-Klaus-Kirche.

 

An die Dunkelheit muss man sich zunächst gewöhnen. Nur ein paar Kerzen tauchen den hohen Raum in ein mystisches Licht. Im Hintergrund des erhöhten Altars sind schemenhaft die Sänger zu erkennen. Man spitzt die Ohren und lauscht. Jedes Rascheln ist zu vernehmen, bis atmosphärische Chorklänge den Raum erfüllen. Mit den Klängen scheint sich auch der Raum auszudehnen und schließlich alles in Schwingung zu versetzen.

 

Es ist Sonntagabend, die Bänke der Bruder-Klaus-Kirche sind bis auf den letzten Platz besetzt. Der Konstanzer Kammerchor gibt unter dem Motto „Veni Emmanuel – Advent & Christmas a cappella“ ein Weihnachtskonzert mit einem sehr innovativen und mutigen Konzept.

 

Die Idee des Programms ist die Gegenüberstellung von traditioneller Chorliteratur und modernen, teils unbekannten Stücken. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Organisten und Pianisten Sebastian Bartmann lässt der Kammerchor unter der Leitung von Michael Auer die Zuhörerinnen und Zuhörer die Weihnachtsgeschichte entlang der Themen „Advent“, „Verkündigung“ und „Geburt“ musikalisch erleben.

 

Trotz der spannungsvollen Kombination aus Traditionellem und Neuem, aus a-cappella-Chorstücken und Orgel- und Klavierimprovisationen entstehen keine Brüche. Texte und Melodien aus dem Mittelalter und der frühen Renaissance fügen sich mit den modernen Stücken zu einem stimmigen Ganzen.

 

 

Die musikalische Reise beginnt mit sehr besinnlichen und sphärischen, fast düsteren Klängen. Von einem Chorstück der Renaissance führt sie zu einer modernen Orgel-Improvisation des „Veni, veni Emmanuel“. Der Chor greift wiederum das alte Adventslied mit einer Interpretation aus dem 20. Jahrhundert von Philip Lawson auf.

 

Virtuose Improvisationen

 

Ähnlich gut schließt sich beispielsweise die moderne Chorversion „Magnificat“ von Arvo Pärt mit ihrem stark kontemplativen Klang an die Renaissance-Komposition „Dixit Maria“ an. Der spannungsvolle Bogen führt hin zum Jubel über Jesu Geburt, der seinen freudigen Ausdruck in einem Spiritual von John Rutter findet. Das Spiel mit unterschiedlicher Beleuchtung setzt die musikalische Erzählung wirkungsvoll in Szene.

 

Ein wunderbares Wechselspiel entsteht durch die virtuosen Improvisationen an Orgel und Flügel. Auflockernd treten sie mit den Chorpassagen in den Dialog, nehmen Melodien auf und geben wiederum neue Impulse. Sebastian Bartmann, der beim berühmten Improvisationswettbewerb im niederländischen Haarlem erneut mit einem Preis ausgezeichnet wurde, entlockt der Orgel dabei Klänge, die mal an ein feinstimmiges Querflötensolo erinnern und mal in ihrer untertonigen Tiefe nahezu die Luft vibrieren lassen.

 

Das Konzert macht die Weihnachtsgeschichte sinnlich erlebbar und verleiht ihr einen neuen, künstlerischen Ausdruck. Chorleiter Michael Auer erklärt: „Die Verbindung von traditionellen mit modernen Klängen ist sozusagen eine lieb gewonnene Spezialität von uns. Und zugleich eine schöne Herausforderung für den Kammerchor: Beim Stilwechsel gilt es, auch den Ausdruck entsprechend zu ändern und den Stil immer richtig zu treffen.“

 

Seiner Einschätzung nach ist das Konzept „gut aufgegangen“. Das begeisterte Publikum gibt mit ihm mit tosendem und lang anhaltendem Beifall Recht.

 

Agnes Popp