Südkurier vom 09.10.2007

Musikalische Engelsgeschichten

Begeisterte in der Bruder-Klaus-Kirche: der Konstanzer Kammerchor, begleitet von der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben.

Ein "Engelskonzert" ganz besonderer Zusammenstellung präsentierte der Konstanzer Kammerchor im Konzert in der Bruder-Klaus-Kirche. Da klangen die biblischen Erzengel kämpferisch, Vorbild gebend, nicht als süße Weihnachtsengelchen, was Kammerchorleiter Michael Auer mit absolut hochspannender Programmfolge herausmusizieren ließ: A-cappella-Sätze des Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso zum Michaelsfest stimmten in fließender und schwingender, auch wortmarkierender Wellenbewegung ein, kaum über ein Mezzoforte hinauswachsend. Dann vom 150 Jahre jüngeren Johann Sebastian Bach die Kantate "Es erhub sich ein Streit": Ohne Ouvertüre losbrechend, zeichnete der Chor dieses barocke Kolossalgemälde vom Streit der gottnahen mit den fallenden Engeln in vorbildlich präzisen Koloraturketten, begleitet von der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben, wo mit den Streichern, kleiner Continuo-Orgel, Holzbläsern, Pauken und drei hohen Trompeten ein kostbarer Instrumentalklang entstand. Heike Beckmanns hell-schlanker Sopran und Bernhard Gärtners fast heldischer Tenor er- gänzten in Rezitativen und Arien die wechselnde Ausdrucksfolge, wo Bach den berühmt gewordenen Johannespassions-Choral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" für die Trompete kunstvoll hineingewoben hat, beschlossen vom mächtigem Choraltutti.

 

Britten in Konstanz

So hauptsächlich die große Bach-Kantate auch war, es folgte Größeres und vor allem Neueres mit der Spannung des noch nicht Gehörten: Benjamin Brittens "The Company Of Heaven" für Sprecher, Vokalsoli, Chor, Pauken und Orgel. Die dreiteilige Großkantate, in der nicht alle Texte der Musik anvertraut, sondern verbindend rezitiert oder melodramatisiert sind (mit Sprecher Hans-Helmut Straubs klarer Theaterstimme und Burkhard Weins auch englisch vorgetragenen Passagen).

So lebhaft, lebens- und todesnah (zum Unfalltod eines Kinds) die Textinhalte sind, so klangbunt gelang Britten hier die Verknüpfung von alten und neueren Formen und Harmonien mit der Tonsprache der 1930er-Jahre, erstaunlich zeit- und klangnahe dem Hindemithschen "Engelskonzert" der "Mathis-Symphonie". Aus schlichtem Unisono-Motiv erwächst in elf Sätzen das Kaleidoskop berückend melodiöser Strukturen, entsetzter Chorcluster (Sonderleistung des Kammerchors: die Rückung schwieriger A-cappella-Akkorde!), elegisch gedämpfter Streicherklänge, romantisch oder agressiv anmutender Vokalsoli (wieder Heike Beckmann und Bernhard Gärtner): ein oratorisches Werk, das in packenden Engelsbetrachtungen bis zu opernhaft musikalischer Gestik emporwächst und im finalen Lobeshymnus nicht mit plakativer Tuttiwucht (die gab es schon im Verlauf des Werks), sondern mit besinnlich durhellem Freudechoral endet.

Die mit reichstem musikalischem Leben erfüllte Idee der Engel-Trilogie zum Michaelstag, von Michael Auer würde- und kunstvoll in Szene gesetzt, bekam verdient lang anhaltenden Beifall aus nicht ganz ausgelasteten Bänken (die Aufführung hätte eine Überfüllung des Gotteshauses verdient!). Nicht unerwähnt bleiben soll das die Werke ausgezeichnet erläuternde Programmheft (Auer) - wäre nur zu wünschen gewesen, dass zum Studium desselben die Beleuchtung des Kirchenraums nicht auf Theatersaaldunkelheit zurückgefahren worden wäre.

Reinhard Müller