Sonnengesang im Kosmos der Klänge

Barockmusik und Modernes bot das Kammerchor-Konzert in der Bruder-Klaus-Kirche (Südkurier, 5.4.2011)

Hymnischer Chorgesang ohne kalten Klangstuck: der Konstanzer Kammerchor bei seinem Konzert in der Bruder-Klaus-Kirche.

Michael Auer fordert von seinem Konstanzer Kammerchor stets Mut zur Vielfalt und zum Experiment. Was in der Bruder-Klaus-Kirche mit Stimmen und Instrumenten geschah, erreichte große Intensität der Klänge, einen Höchstgrad chorischer Kunst, einen Spitzenwert langdauernden Beifalls nach dem für Sänger, Spieler und Hörer schwierigen „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina.


Wie der Kammerchor – in bestem Klangverhältnis von etwa 2:1 der Frauen- und Männerstimmen – Bachs Motette „Lobet den Herrn“ eröffnete, war von eigener, überzeugender Schönheit. Der aufsteigende Fugen-Dreiklang erschien ohne rhetorische Akzente, dafür mit weit geatmetem Melos. Der Sopransang intonierte wunderbar das weit aufsteigende Thema, der Alt imitierte eine Quart tiefer mit feiner Fülle, die Tenöre brachten helle, nie grelle Höhe ins Fugensingen, die Bässe vollendeten mit bester Klangbalance die Vierstimmigkeit zu einem Fest: hymnisch, ohne Pathos, barock, ohne kalten Klangstuck. Der Preisgesang wurde konzertant belebt, die Akkorde zu „Gnade und Wahrheit“ besaßen Festigkeit, das „Alleluja“ (mit ganztaktigem Schlag dirigiert) erreichte Chor-Virtuosität – fröhlich, nie verhetzt.

 

 

Dynamische Klangkontraste

 

Nach acht Minuten Bach elf vom Belgier Vic Nees. Sein 92. Psalm „Das ist ein köstlich Ding“ erinnerte an Kantate-Form, romantischen Tonsatz, Orffsche Rhythmen. Mit den Reizen der Harfenkunst (Maja Dvoracek) und dezent eingesetztem Schlagwerk (Ralf Kleinehanding, Markus Kurz) wurden die chorischen Klangkontraste angereichert, dynamisch ausgebaut. Die Solopartie sang der junge, stimmstarke Tenor Moritz Kallenberg. Er überzeugte in liedhaftem „Gnaden“-Arioso, auch mit vollem Forte in herrlichem Frohgesang mit Frauenchor und Harfenschlag.


Manches Klangmittel – Glissandi, Glockengeläut, akkordische Deklamation – aus diesem Werk kehrten im „Sonnengesang“ (44 Minuten) wieder: verwandelt, neu, rätselhafter, moderner. Das Schöpfer- und Schöpfungslob des Heiligen Franziskus wurde in einen Klangkosmos hineinkomponiert, der Mittelalter und Gegenwart, Weltfeier und Individualängste, Dissonanz und Sehnsucht nach seraphischem Dur zu neuer Textur verwob. Mal verbarg sich der Text, dann erschien er in lichten Frauen- oder tiefen Männerklängen deutlich deklamiert. Zum weltumfassenden Lob artikulierte sich das einsame Solocello. Mit feinster Nuancierung bis ins Klopfspiel des Bogens und dem Verstimmen der Saiten spielte, ja musizierte Jan-Filip Tupa.


Wie Michael Auer den Ernst des Werkes bis in dramatische Geschehnisse, in expressive Rufe zum Glockenklang, zu hellen ätherischen Hochklängen und auf das Klangmassiv des letzten „Laudate“ führte, das packte. Die vielen Glissandi rutschten nicht zur Manier ab, melodische Kürzel luden nicht zu sentimentalen Fluchten ein, der Chor mischte Wort- und Klangsprache zu starken Kontrasten. Ein komplexes Opus, eindringlich mit modernen Klangenergien so mitgeteilt, dass altes Schöpfungslob und neue Menschangst gegenwärtig wurden.

 

Helmut Weidhase