Serenaden-Pop der Romantiker
Aus dem Südkurier vom 26.07.2004
Der "Konstanzer Kammerchor" im Rathaushof Konstanz
Chorkonzert des Konstanzer KammerchoresWenn die Künste ins Unbegreifliche abheben, tauchen bald die Konkurrenten auf, die sie wieder auf den Boden des Verständlichen zurückholen - meist mit
nachhaltigem Erfolg. Um das Verständliche zu sichern, wird gern auf das zurückgegriffen, was man für volkstümlich (mal mehr Volk, mal mehr -tümlich) hält. Zumal die Romantiker liebten diese
Popularitätsneigung ("pop" heißt es später in mehrfachem, aber marktgängigem Sinne). Der "Konstanzer Kammerchor" in sichtbar altersbegrenzter Besetzung nahm sich diese romantischen Pop-Tonkünste
vor, die einst den Ruhm ihrer Produzenten begründeten (Dvorák) oder absatzüppig steigerten (Brahms). Es wurde aus bunter Mischung eine Mittwoch- , Freitag-, Samstag-"Serenade", zweimal ohne,
einmal mit Regentropfen, die den Final-Umzug in den Bürgersaal verlangten.
Konzertkulisse im RathaushofEs war ein wirklich "serenes", mithin heiteres Programm, sozusagen von witterungsunabhängiger Freiluftigkeit. Kaum je kam das schwerkalibrige Romantisieren in die
Klänge, selbst die Chromatik lief keinem Tristan hinterher - und auch der letzte Liebesliederwalzer von Brahms hatte noch soviel Leichtigkeit der Intonation, dass man den kontrapunktischen
Chaconne-Satz kaum merkte.
Heiter war es nicht zuletzt durch die köstliche Wortbegleitung der Musik. Hans Helmut Straub gab vielfältige Conférencier-Poesie, von Shakespeare bis zu einer Volkslied-Variation als
Goethe-Gefühl, Schiller-Pathos, Heine-Witz - ein sprach-mimisches Virtuosenstück.
Nach dem Prolog, der eine "Hommage an das Volkslied" verhieß, wurde die Verheißung erfüllt, zunächst mit acht Brahmsschen "Liebesliederwalzern" op.52. Da verstand es der Chorchef Michael Auer,
alle Stimmen auf elegante, lockere und pointierte Leichtigkeit zu verpflichten. Kein Walzer kam ins Schwitzen. Der "kleine hübsche Vogel" flog in hellem Staccato in den Garten - und klebte an
keiner harmonisch dick bestrichenen "Leimrute" (so ein Textwort) fest. Den Damen gelang es, etwa bei den weichen Worten "schöne Röte" ein wenig sentimento ins Melodische zu mischen, den Männern
wurde nicht versagt, mit etwas deklamatorischer Klage "O die Frauen" im Dreivierteltakt zu klagen. Tempo und Schwung belebten die Lieder.
Die beiden Pianistinnen, Maria Rapp und Ulrike Wirth, trafen den unterhaltsamen, dabei anmutig tänzerischen Tastenklang, der im Nachtigallen-Lied sich bis zu feinen ornithologischen Koloraturen
aufschwang. Das Zusammenwirken von Chor und Flügel hatte in den "neuen Liebesliederwalzern" op.65 eine andere Proportion: Nicht nur die Stimmen suchten nach kompakterem Klang, auch das Pianoforte
erhielt stärkeren Eigensinn - zuweilen tanzte es gegen das Lied, das Lied sang dazu Kontrast-Dynamik, aus Walzern wurden fast Balladen mit dunklem Moll ("Wahre, wahre deinen Sohn...") und
malendem Ausdruck auf "wilder See" und in "stürmischer Öde", in der sich der Volkston verlor.
In den "Klängen aus Mähren" von Dvorák war das Balladeske im Wechsel von Chor- und Solovortrag bestimmend. Die zehn durchkomponierten Lieder haben nicht immer die Frische und Unmittelbarkeit, die
man an Dvorák so liebt - und die in den drei vierhändigen "Slawischen Tänzen" so tastenbunt und schwungvoll vorher präsentiert wurden.
Lieblich wurde das "Donau"-Duett gesungen, der Flügel plätscherte genüsslich dazu. Federnd rhythmische Chor -Rezitation gab es im Lied vom "Kleinen Acker", ein wenig Dramatisches geschah mit der
"Taube auf dem Ahorn". Doch bei aller Sanges- und ausdrucksgerechten Zeilenkunst, diese Kompositionen erreichten nicht den Klangreichtum, den die Kammer-Männer in den Dvorák-Chören a capella
auszuteilen vermochten. Das waren hier satte Herren-Harmonie, dort dunkle Modulationen (Schuberts "Tod und Mädchen" schien zitiert), danach erzählender Tonfall, sprachdeutlich und ein Klangdialog
zwischen Fährmann und den schönen Mädchen.
Zwei Solistinnen war es vorbehalten, den Volkston in Kunstmusik zu verwandeln. Es gelang ihnen vorzüglich, nicht nur stimmlich, stilistisch, technisch, sondern mehr noch im Ausdruck, der zugleich
Gegensatz-Charaktere in die Serenade beförderte. Claudia von Tilzer, dezent und ohne Brahmssche Flügel-Korpulenz von Maria Rapp begleitet, sang "Volkslieder". Hell, mit einer kunstvollen
Schlichtheit, die "da unten im Tale" lyrisch blieb und im strophischen Mutter-Tochter-Gespräch ("..ich wil en Ding han...") zur feinen Pointe führte, waren diese Lieder "echt" zarte pop-Romantik.
Die Altistin Mechthild Bach hingegen gab mit Dvoráks "Zigeunermelodien" stimmstärkere Töne, fast gesungene symphonische Dichtungen, in denen mit Harfenbegleitung "Das Lied ertönt", der Wald mit
weitem Melos beschworen wird, die Sequenzen wie heiße Tränen "von der braunen Wange" flossen, im "luft'gen Leinenkleide" ein Tanz erklang, als wollte Carmen ein Gastspiel auf den "Tatra-Höh'n"
geben.
Am Ende Beifall, Blumen, Zugaben - vor allem die moderne Wendung zum erinnerungsromantischen Pop: "O Täler weit, o Höhen" als verjazzte Chor-Humoreske mit virtuosem Kammer-sound.
Helmut Weidhase