Chorkonzert in Konstanz
SÜDKURIER vom 05. November 2003:
Doppelbotschaft: Wort und Klang
Geistliches Konzert mit dem Konstanzer Kammerchor und Konrad Philipp Schuba
Allerseelen-Musik in der Bruder-Klaus-Kirche, ein Konzert mit der Verlässlichkeit eines Rituals und chorisch-festlichem Ende. Vertonte Lesung, Orgel-Meditation, doppelchöriges Concerto brachten Wort- und Klangbotschaften in den gut besuchten Kirchenraum. Der Konstanzer Kammerchor, dirigiert von Michael Auer, löste die selbstgewählten schweren Aufgaben: Deklamation und Melisma, Choral und Kontrapunkt, Wort- und Klangevangelium. Konrad Philipp Schuba verband das stilistische und kompositionstechnisch weit gespannte Singen mit "Improvisationen", die wie Monologe über tonsprachliche Vereinbarkeit des Gegensätzlichen wirkten, thematische und satztypische Reflexionen über die Doppelbotschaften des Gesungenen.
Volker Bräutigams "Drei Seligpreisungen" suchen alte Traditionen musikalischer Verkündigung neu zu formulieren. Der Kammerchor fand den werkgegebenen Ausdruck, der den Worten melodische Emotionen (weit geatmete Linien zum "Selig", harmonische Spannung zum "Erdreich") verlieh, zugleich die Miniatur-Motetten mit dynamischer Deklamation erfüllte. Schuba hatte vorher auf die besondere Tonalität dieses Werkes (mit Quinten- und Quartenreichtum) vorbereitet, aber mehr noch mit dem Sekund-Wechsel der Bässe und der Ostinato-Figur auf das Chorwerk von Arvo Pärt, die Bergpredigt-Preisungen in englischer Sprache.
Der Chor, gliedernd grundiert von einem Tiefton der Orgel, belebte Pärts satz-asketische Sprachkomposition durch behutsame Akzente (dissonierende Halbtöne über dem Dreiklang) und wohl dosierten Wandel der Atemmenge pro Ton. Das Fazit "Freuet euch!" führte ins stimmlich und harmonisch Mächtige - von der Statik zur Ekstatik mit Orgelfülle, die im Nachspiel über Pärtsches Himmels-Tinntinnabuli ein ewigkeitslanges Dur verhieß. Nachklang und Überleitung auf der Orgel zu Reger: Wechseltöne erinnerten, ein fallendes Vierton-Motiv versprach Romantik, Motivarbeit.
Regers dreisätzige, fünfstimmige Motette "Ach Herr, strafe mich nicht" (17 Minuten schwierigste A-cappella -Modulationen) wurde so gesungen, dass sich mit größter chorischer Konzentration begegneten: Modernität in den dynamisch überreichen Stimmkombinationen und Romantik in der wunderbar altertümelnden Choralstrophe, Emotionales in den "Angst"-Septakkorden und gesteigerten Gott-Anrufungen mit Chor-Sforzato und Kontrapunkt-Konstruktion in der Doppelfuge, die - 1910 komponiert - faszinierend intoniert wurde und eben dadurch Regers Versuch hörbar machte, die Tonalität mit ihren eigenen Mitteln zu Ende zu modulieren.
Dynamischer Trost fasste das Werk am Ende wieder zu stimmstarker Homophonie zusammen. Bachs Barock sangen die Kammerchoristen ganz anders, konzertanter und mit
überlieferungsechter Begleitung von Chororgel und Kontrabass (sicher und klangintensiv musiziert von Georg Steckeler und Alexandru Chis).
Eine ganz kleine Fermate auf dem ersten Bass-Ton sicherte den synkopischen Rhythmus des doppelchörigen Gesanges. Michael Auer dirigierte mit sichtbar lockerer Hand, nichts trug
barocke Überlast, erst im Zuspruch "Ich stärke dich" wurde Forte und Tuttiklang erreicht. Da hatte die Deklamation hohe Intensität, die weitergeführt wurde in den kolorierten Stimm-Sechzehnteln.
Die vierstimmige Fuge wurde vom Chor-Concerto durch eine Pause getrennt - und erschien wie ein ganz neuer Satz mit herrlich eingearbeitetem, nicht überlaut intoniertem Sopran-Choral. Wie der Chor die Stimmen fügte, wie er mit neuer Farbe und Stärke des Klanges am Ende das "Fürchte dich nicht!" erscheinen ließ und deutlich im ersten Bass den Komponisten bei "seinem Namen" rief, das vereinigte Form, Botschaft, Werksindividualität. Lange Andachtsstille - längerer Konzertapplaus.
Helmut Weidhase
Chorkonzert in Konstanz
SÜDKURIER vom 30.06.03:
Leben für eine Komposition
Der Konstanzer Kammerchor mit "African Sanctus" in der Lutherkirche -
Komponist David Fanshawe dabei
"Beethoven ist mein Mentor" gibt David Fanshawe vor übervoll besetzter Lutherkirche bekannt. Doch von seinem heimlichen "Kontrahenten" Mozart sagt er nichts! Der steht nämlich im
Guinness-Buch der Rekorde als der schnellste Komponist. Und haben sich in Mozarts rund zwanzigjähriger Schaffenszeit insgesamt wohl mehrere Meter hohe Notenberge an Meisterwerken aufgetürmt, so
steht bei David Fanshawe als Quintessenz seiner musikalischen Schaffenskraft dieses eine Werk: "African Sanctus".
1966 hat Fanshawe als Student des Royal College of Music in London diese Komposition begonnen, 1977 ebenfalls in London vollendet. Dazwischen stehen jahrelange Abenteuerreisen, während
denen der Komponist mit Tonband und Rucksack "bewaffnet" die Volksmusik der afrikanischen Länder Ägypten, Somalia, Kenia und Uganda kennen und lieben lernte.
Insgesamt 500 Stunden Bandaufnahmen, aber auch die authentischen Erlebnisse des Komponisten mit Naturvölkern und deren archaischer Naturverbundenheit fließen in dieses eine Werk ein. Es lässt uns Westeuropäer sowohl "das Heilige in der Natur", als auch eine allumfassende Verbindung des Menschseins innerhalb der verschiedenen Religionen quasi als musikalische "Ringparabel" spüren.
Muslimische Gebetsgesänge, Kirchenmusik christianisierter Urvölker, rudimentäre Volksmusik und Tänze, aber ebenso akustische Naturerlebnisse wie das Prasseln des tropischen Regens und das Erwachen der Tierwelt nach einer Dürreperiode fließen in diese Komposition mit ein.
Für den Kammerchor unter Leitung von Michael Auer war dies keine leichte Aufgabe, denn es galt, Chor, Solisten, Instrumentarium und Tonband zu koordinieren und zu einem gesamtmusikalischen Ergebnis im Sinne des Komponisten zu führen. Dass dabei oftmals die klassischen Kriterien eines homogenen und wohl tönenden Chorklanges über Bord geschmissen werden mussten, liegt in der Natur der Komposition, in deren Dienst Michael Auer seine Chorarbeit stellte.
Doch wie schön dieser Chor tönen kann und mit welcher Klangkultur hier gearbeitet wird, wurde jedes Mal deutlich nach Verstummen des etwas übersteuerten Bandes und des übermächtigen Schlagwerks. Bemerkenswert auch, wie sicher der Chor intonierte nach dem in Vierteltönen vom Band musizierten Gebetsruf des Imams ("Kyrie") oder bei den sich zunächst chromatisch aufschichtenden schwierigen Akkorden, deren Grundtonbezogenheit sich erst nach und nach heraus kristallisierte.
Der Pianist Surendran Reddy musizierte das in die Komposition eingebaute "Hadandua-Liebeslied" so schön, wie es auf einem E-Piano nur irgend möglich ist, und auch die Sopranistin Heike Beckmann wurde dem vom Komponisten in seiner Ansprache vorweggenommenen Lob voll gerecht: mit ihrer feinen silberhellen Sopranstimme übertönte sie jubilierend den Gesamtchorklang.
Das von David Fanshawe nach abendländischen Mustern in Form einer Messe komponierte Lebenswerk hat aber noch eine ganz andere Dimension, wenn man bedenkt, dass ihn auch während seiner Reisen traumatische Kriegserlebnisse geprägt haben.
So musste er miterleben, wie ganze Ureinwohner-Stämme von Kriegsbanden niedergemetzelt wurden. Er verlor Freunde, deren Musik er aufgezeichnet hatte, durch einen sinnlosen Krieg - und sowohl dies als auch die aktuellen Ereignisse im Irak mögen die Antriebskraft erklären, mit der Fanshawe sein "African Sanctus" fast missionarisch als musikalische Botschaft an die restliche zivilisierte Welt richtet. Es ist die Botschaft der Daseinsberechtigung der ursprünglichen und authentischen Lebensformen der Naturvölker mit all ihren wundersamen und bewunderungswürdigen Ausprägungen.
Diese Botschaft kam in Konstanz an und wurde vom Publikum mit großer Euphorie gefeiert.
MARKUS HORSCH
SÜDKURIER vom 10. Dezember 2002:
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Weihnachtsgeschichtliches Stil-Experiment
"Schütz Plus" mit dem Konstanzer Kammerchor
Heinrich Schütz reicht nicht mehr. Darum wollte man ihm ein „und mehr" zuerteilen und seine Weihnachts-„Historie" mit dem Titel „Schütz Plus" ankündigen und anbieten. Dass man
in Konzerten Altes mit Neuem mischt, ist seit wenigstens 200 Jahren Usus.
Dass man die Mischung in ein einziges Werk hineinarbeitet, ist ein Experiment. Das wagte der Konstanzer Kammerchor unter Michael Auer. Maria und Joseph, so berichtet gerade der
(1660 modern-monodisch komponierte) Evangelist, fanden zu Bethlehem „keinen Raum in der Herberge".
Das bei Schütz weiter berichtende Rezitativ, wenn auch mit einer Kadenz-Zäsur bedacht, wird unterbrochen: Ins Frühbarocke hinein ertönt ein kunst-folkloristischer
Klopf-an-Gospel. Bethlehem wird zur amerikanischen Lied-Szene, höchst chor-artistisch gesetzt, mit pochenden Holzblock-Rhythmen angereichert, mit klopfenden Staccato-Bässen und eindringlichen
Crescendo-Rufen „Why don't you answer..." vergegenwärtigt. Das statisch Berichtende der Schütz-Komposition erfährt einen emotionalen Kontrapunkt.
Der wird ins modern Attackierende gesteigert, wenn unmittelbar nach dem Schützschen „Ehre sei Gott... Friede auf Erden" - großartig als Frauen-Männer-Doppelchor gesungen -, ein
Zeitgenossen-„Gloria" anhebt, das Wolfgang Stockmeier mit höchsten Ansprüchen einer Chor-Etüde, aber auch mit den Ausdruckseffekten einer bezüglich des Hymnischen verunsicherten Welt komponiert
hat.
Die „Gloria"-Intonation stockt, sucht nach einfachem Wechselnoten-Melos, hält sich an langen Tönen fest, verliert Tonalität und Töne, die Stimmen werden zum Sprechchor, die
Schwingungen ballen sich zu undurchhörbaren Stimmgebärden, die zuweilen in Glissando-Gegenbewegungen sich dynamisieren - und am Ende wird dennoch kurz-rhythmisch „Gloria" verkündet.
Die später eingefügten Gesänge von Philipp, Vaughan-Williams, Poulenc und Lojewski ("Swing Low"-Spiritual) hatten nicht diesen massiven Stilkontrast, so dass sich innerhalb der
Zusätze wieder stilistische Gegensätze ereigneten. Diese sinnvoll den Evangelien-Ereignissen zugeordnete Neuigkeitsvielfalt mag ein wenig den Eindruck von globaler Beliebigkeit erweckt haben.
Gleichwohl gelang, nicht zuletzt durch Klang (alles Neuere a-capella) und Beleuchtung (alles Neuere bei angedunkeltem Licht), die tönende Mitteilung eines paradoxen Hörerlebnisses: Die
fern-fremde Nähe der Schützschen Weihnachtsmusik.
Sie wurde mit alten Instrumenten vom Münchner Ensemble „L'Arpa festante" begleitet: Zinke statt Trompeten, Dulzian statt Fagott, kaum vibrierende Violinen, Barockposaunen. Das
gab Patina. Der Kammerchor, der in den modernen Teilen sicher mit grandioser Klangdifferenziertheit und stimmlicher Virtuosität wirkte, hielt sich in den akkordischen und imitatorischen
Schütz-Sätzen zurück. Er ließ den „historia"-Charakter deutlich werden. Das „Gloria" hatte die klare Festlichkeit eines konzertierenden Madrigals, die Morgenland-„Weisen" agierten als monodisches
Terzett, die Hohepriester als posaunen-bekräftigter Männerchor von starker, doch konturenfester Farbe.
Der Danksegnungsbeschluss führte die Stimmen zu einem Weihnachts- und Musikbekenntnis in den stehenden Deklamationsakkorden, die zehnmal mit dem Wort „singen" von des „Teufels
Gewalt" befreien sollen.
Der Tenor Jörg M. Krause berichtete das Evangelium mit sprachgebundenen Tönen, das Rhetorisch-Illustrative wurde an wenigen Stellen (Klage-Chromatik im Jeremias-Zitat)
expressiv.
Die Sopranistin Eva Kleinheins und der Bassist Hansmartin Jetter erfüllten ihre „Rollen" (Engel, Herodes) mit maßgerecht koloriertem Stil: Stets mehr „historia" als „dramma per
musica".
Für diese insgesamt enthistorisierende Schütz-Experimentalaufführung gab es lange, kräftige Zustimmung aus voller Bruder-Klaus-Kirche.
Helmut Weidhase
Chorkonzert in Konstanz
SÜDKURIER vom 19.07.2002:
Europäisches Gefühlspotpourri
Konstanzer Kammerchor-Serenade: Premiere im Bürgersaal
Die “neue Nachtmusik" des Konstanzer Kammerchors vom Rathaushof in den Bürgersaal. Voll war's, warm, aber trocken. Beim ersten "Walzer mit Herz" jedoch begann das Erwachen heiterer
Gefühle bei Ankunft des Chores auf dem Podium. Ein paar Tastenoktaven (Klaus Simon als Flügeladjutant war orchestral, bei Bernstein pointiert, bei Mahler Kammermusiker, bei Schubert
Tastengitarrist) - und der Chor ließ die Stimmen tanzen.
Bizets Kleinopus hatte etwas von der Großopern-Eleganz Meyerbeerscher Ballette: Schwung einer "valse legère", mittendrin gesungene Liebeslyrik, die sich zu vollkehliger
Dreiviertel-Lustbarkeit steigerte. Das war eine Ouvertüre, die den Chanson-Charme ankündigte, der in den Debussy-Liedern mit Chor- und Solokunst auf beglückende Klanghöhe gelangte: "Dieu!" - und
der Gottesanruf kam mit seelenvollem Crescendo bei der schönen Graziösen" an. Minnesang-Sehnsucht samt Musik-Sehnsucht nach kostbarem Antiquariat der Akkorde. Im zweiten Lied (Texte vom Villon-
und Wolkenstein-Zeitgenossen Charles d'Orléans) mimte der Chor Tamburinrhythmen, und eine Dame ließ sich nicht vom morgenwarmen Bett zum Maientanz verlocken. Das sang die frisch diplomierte
Altistin Barbara Ostertag mit edel distanzierter Noblesse: Gefühl im Wartestand.
Wie ein Chanson zur Klang- und Liebesszene schwingungsintensiv werden kann - in Gilbert Bécauds berühmten "Viens!" konnte man es in schmelzend schönem Chor-Dialog erleben, ein
songseliger Kontrapunkt der Intimität, Kammerchorkünste: Helle Höhe, sanfte Tiefe, melodische Anschmiegsamkeit der Stimmen, Klangfarben-Dynamik. Michael Auer befreite die Sangesfreude von allem
Notendruck, es tönte frisch, frei, vergnügt, applausfördernd.
Mit Bernsteins witzigen "Kid Songs" wurde auch das Konzert- Motto mit solistischer Selbstironie verkündet: "Ich hasse Musik, aber liebe das Singen". Claudia von Tilzer
rechtfertigte vor allem den zweiten Teil dieses Bernstein-Bekenntnisses. Wie sich die Selbstaufklärung gegen den Klapperstorch-Mythos kräftig, die Klage über den Einzelmond der Erde klagend, die
Sangeslust mit Operndiva -Vibrato und das Indianer-Rätsel mit balladesker Deklamation mitteilte, das hatte den Reiz der künstlichen Kinderstuben-Naivität.
Ganz andere Reize, nämlich solche eines Doppel-Frauenchors (Podium gegen Vorraum) wurde danach geboten. Die mit Echo-Stereophonie gesetzten "Princesse" -Songs von Gustav
("Planeten-") Holst zauberten Klangbilder: Piano-Wiegenlied, Elfen- und Jagdballade mit Forte- "Glory", Schwalben-Allegro. Der dreifache Beginn beim letzten Lied beförderte den
Serenaden-Charakter: unroutinierte, dann aber gekonnte Heiterkeit.
Die beiden Solistinnen begeisterten mit ihren Sanges- und Darbietungskünsten. Brittens "Cabaret Songs" wurden von der Altistin zu einer klangintensiven Kehlkopfinszenierung
verwandelt. Wie die Tiefe tönte (fegefeurig ohne Rauch), wie die Akzente den Wort- "Ozean" schäumen ließen, der "Begräbnis-Blues" den schwarzen Humor melodisierte oder die "Grand Opera" zum
Miniatur-Drama wurde - es war farbig, glänzend.
Dass auch kabarettistische Nuancen in den Mahlerschen "Wunderhorn" -Liedern enthalten sind, betonte mit feinem, reichen Gesang die Sopranistin: Wunderbar wurde das "Rheinlegendchen"
erzählt, mit dezenter Karikatur der musikrezensorische Esel charakterisiert, mit weiten Koloraturen das Gänse-Liedlein geziert.
Dann kam noch Männerchor: Schuberts "Nacht", gesungen wie's der Text befiehlt: "Wie schön!", sein "Ständchen" wie eine Werbung in romantischer Nacht. Danach im ganzen Chor der "Mond
aufgegangen", um ein Brahms-"Ständchen" zu beleuchten, am Ende "Kein schöner Land" zu preisen. Ende - keineswegs. Zugabe, Zugabe (eine fasste die ganze italienische Opernkunst des 19.
Jahrhunderts zusammen). Auszug der "neuen Nachtmusiker" mit einem "Triumphmarsch" der Hörerhände.
(Wiederholung des Konzerts am Samstag, 20.Juli, 20.15 Uhr im Rathaushof)
Helmut Weidhase
Chorkonzert in Konstanz
SÜDKURIER vom 5.Dez. 2001:
"Wachet auf, Psalter und Harfe . . ."
Bernstein und Britten mit dem Konstanzer Kammerchor in der Bruder-Klaus-Kirche
Bernstein und Britten - gemeinsam haben sie, dass sie an diejenigen dachten, für die sie schrieben, an Menschen, für die Musik ein unmittelbares Verständigungsmittel ist. Was zum ersten
Advent in der gut gefüllten Bruder-Klaus- Kirche nach Noten der beiden Komponisten umgesetzt wurde, das steht beispielhaft für jenes Verhältnis "Absender - Empfänger".
Die Verkünder von Bernsteins "Chichester-Psalms" und der Kantate "Saint Nicolas" von Britten hatten mehr als nur ihre Hausaufgaben gemacht. Dirigent Michael Auer stellte sich mit seinem
Kammerchor, mit Mitgliedern des SWR-Sinfonie-Orchesters Baden-Baden/ Freiburg sowie mit dem Tenor Daniel Sans und dem Aurelius-Sängerknaben aus Calw, Bastian Levacher, dem Publikum als
verschworene Gemeinschaft. Nach Punkt und Komma durchliefen die beiden Werke die vorgeschriebenen Bahnen.
Am Bein ihrer populären Eingängigkeit hängt das Anspruchsvolle, und das war zu keinem Moment eine Barriere, um Bernsteins und Brittens Musiksprache zum vorweihnachtlichen Geschenk zu
machen. Welch ein Finale, als das "Amen" der "Nicolas"-Kantate zum Händel-verwandten Hymnus aufstieg. Lang anhaltender Beifall.
Wie das Ende, so der Anfang: Majestätisch und voller Energie, wie Bernstein es wollte, das "Urah, hanevel, v'chinor", das "Wachet auf, Psalter und Harfe", im Fortissimo, mit Pauken
und Becken. Das "Jauchzet dem Herrn, alle Lande" gleich einem Fanal. Der Kontrast: Lyrisch das Pastorale "Der Herr ist mein Hirte...", das Vertrauensbekenntnis durch die Knabenstimme, assistiert
durch Harfen.
Michael Auer hatte damit souverän die Zeichen für den Szenenwechsel gesetzt. Im Psalm 2, 1-4 hatten die Völker zu toben, wonach Nationen "vergebliche Dinge" anfachen - welch ein aktueller
Bezug! Im präzis gesungenen Dialog zwischen Chor und Solo vollzog sich das Stürmische - das Orchester produzierte Klangliches wie Peitschenhiebe. Bastian Levachers Stimme löste die Beruhigung der
Szene aus, Sopran und Alt des Chores erhöhten die Wirkung mit dem über elf Takte verlaufenden "Adonei".
Bernsteins angeborenes Klangempfinden für eine dissonierende Harmonie kam von den Streichern - zum Auftakt des dritten Teils. Wurden von den Celli übernommen, mündeten über
Harfen-begleitende Männerstimmen und Chorsolisten in einen verklärenden A-cappella-Satz und ein oktaviertes "Amen".
Eine nicht weniger mitreißende Vorstellung gaben die Interpreten mit der "Nicolas"-Kantate. Was Britten für die 100 -Jahrfeier des Lancing College in Sussex geschrieben hat, wurde in der
Bruder-Klaus-Kirche zum Ereignis. Michael Auers einstudierte Grundsteinlegung zur musikalischen Abfolge vom Leben und Sterben des heiligen Nikolaus trug beeindruckende Früchte. Mit einem Aufgebot
von Hauptchor, Nebenchören, dem Tenor Daniel Sans und einem mit zusätzlichen Instrumenten (Klavier, Orgel und anderen) ausgerüstetem Orchester ging es im exakten Zueinander durch die aufregende
Vita des Heiligen, der "über die ungeheuere Brücke von 1600 Jahren" zurückgekommen war, um, nach Brittes Eingebung, zu Neuem in Glaube, Stärke und Demut der christlichen Märtyrer aufzurufen. So
die Introduktion mit mahnendem Pochen der Orchesterstimmen.
Die nachhaltigen Eindrücke bis zum Tod des Bischofs von Myra: Das Illustrative mit den Rezitativ-Akkorden der Orgel zur Geburt, das "Ehre sei Gott" des Tenors, die Rückereinnerung des
Knaben Nikolaus, der von Zweifeln zerrissen, gar trotzig gegen Gott, ihn bittend, die ängstliche Seele zu läutern.
Dann Nikolaus auf nach Palästina. Sturm, Orchester in rollenden Donnerschlägen und peitschendem Rhythmus.
Die musikalisierten Wogenbrecher kamen von der Orgelempore. Crescendierender Paukenwirbel zur Stimme des Tenors, Rettung aus Not - ergreifend der Chor auf die Worte: "Seine Engel lächeln, schauen
herab", derweil der Heilige weint . . .
Fünfter Teil: Michael Auer schichtet die Klänge, lässt auftürmen bis zu Brittens Bachscher Struktur-Größe. Das "Amen" in Tutti-Kraft. Im Marschrhythmus die Flucht vor den Elementen
(siebter Teil), Chöre rühmen die überschwängliche Liebe des Heiligen (achter Teil), dröhnendes Orchester, apokalyptische Klangmixturen zum Tod. Ein wunderbar gesungener Choral und hin zum
hymnischen "Amen", so als habe bei dem genialen Eklektiker Benjamin Britten das Barocke Pate gestanden. Ein Bravissimo Michael Auer und seinen Mitstreitern!
Gerhard Hellwig